Von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer: Immer entlang des einstigen
Eisernen Vorhangs entsteht ein 6800 Kilometer langer Radweg. Den Anfang
machte der Berliner Mauerweg und ein engagierter deutscher EU-Abgeordneter.
Brüssel – Auch im Jahr 17 der deutschen Einheit ist die Teilung noch
vielerorts sichtbar. Zum Beispiel im Dorf Mödlareuth an der
bayerisch-thüringischen Grenze. Für die US-Soldaten war der Ort “Little
Berlin”. An die 700 Meter lange und 3,30 Meter hohe Mauer, die das Dorf
seit 1966 durchzog, erinnert heute ein Museum. Ein “Highlight”, sagt der
Europaparlamentarier Michael Cramer, der die Grenze entlang geradelt ist
und darüber gerade einen Reiseführer veröffentlicht hat. Der
“deutsch-deutsche Radweg”, den Cramer beschreibt, ist Teil eines von ihm
angeregten Großprojekts: Ein 6800 Kilometer langer Radwanderweg entlang des
Eisernen Vorhangs.
Der 58-jährige Verkehrsexperte, der seit drei Jahren für die Grünen im
Europaparlament sitzt, hat jahrelang für sein Projekt getrommelt. Mit
Erfolg: Noch in diesem und im kommenden Jahr können Kommunen und Regionen
EU-Fördermittel für den Ausbau des Radwegs mit dem englischen Namen Iron
Curtain Trail abrufen. Die Schirmherrschaft hat der ehemalige sowjetische
Präsident Michail Gorbatschow übernommen. Im kommenden Jahr soll auch dazu
ein Buch erscheinen.
Von der Barentssee in Nordfinnland bis zum Schwarzen Meer soll sich der
Radwanderweg erstrecken. 19 Staaten, darunter zwölf EU-Mitglieder,
beteiligen sich an dem Projekt. In Deutschland läuft die Strecke von
Travemünde an der Ostsee bis zum Dreiländereck an der Grenze zu Tschechien
und Österreich. Was in Deutschland fehle, sei eine durchgehende
Beschilderung, sagt Cramer – wie es sie an dem von ihm mitgegründeten
Mauer-Radweg in Berlin bereits gibt. Ihm schweben Tafeln mit blauem
Hintergrund und den zwölf Sternen der Europafahne vor. Dazu wünscht er sich
Hinweistafeln, die die Geschichte des jeweiligen Ortes erläutern.
Kein Hinweis auf die einstige Grenze
Damit könnte der Radweg für den studierten Lehrer Cramer zur “lebendigen
Geschichtswerkstatt” werden, gerade für die nach dem Mauerfall geborene
Generation. An Geschichtsbewusstsein mangele es an Teilen der 730 Kilometer
langen deutschen Strecke, sagt der gebürtige Westfale, der ab 1975 in
West-Berlin lebte und für die Grünen im Abgeordnetenhaus saß. “An manchen
Stellen gibt es keinen Hinweis darauf, dass jemals eine Mauer stand. Das
finde ich grausig.”
Zum Nationalfeiertag am 3. Oktober wünscht sich Cramer, dass die Grenze in
den Köpfen schwindet. “Die nächste Generation wird es anders machen”,
glaubt er. Ob das auch für Mödlareuth gilt? Im Ost- und Westteil des Ortes
gibt es heute noch unterschiedliche Postleitzahlen, Telefonvorwahlen und
Fahrzeugkennzeichen. Und es gibt zwei Bürgermeister – einen für die
bayerische, einen für die thüringische Seite.